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Besuch in einer Schatzkammer

 

Die Schleife löst sich. Der ­Deckel der Schatulle wird hoch gedrückt. Augen fangen das Glänzen an. Im Herzen der Schatulle sitzt ein Schmuckstück im Samt. – Solche Freuden stellt sich Herr Maag vor, wenn er die kleinen und grossen Schätze über das Glas der Theke schiebt.


Von Stine Wetzel


Zollikon, die Kirchturmuhr schlägt die volle Stunde. Kurz nach Mittag sind die Strassen wie leer gefegt. Strassen, die in ihrer Enge eher Wege sind, schlängeln sich den Hügel hinauf. Im Rücken schieben sich Nebelschwaden über den Zürichsee, während man Absatz für Absatz erklimmt und sich dem roten Kreuz, dem Zielort Zinniker AG, auf der zerknitterten Karte nähert.
Die Tür geht auf. Johannes Maag, im Nadelstreifenanzug und mit Okularbügel um den Kopf, lässt einen in die Schatzkammer ein. Hinter ihm lächelt George Clooney von der Wand. Aus den Vitrinen funkelt es. Ringe beäugen aus blauen Steinen oder Aquamarinen das Geschehen im Verkaufsladen. Man nimmt Platz. Die Pendel der Wanduhren schaukeln im Sekundentakt.

Das Rad neu erfinden
Das Uhren- und Schmuckfachgeschäft Zinniker existiert seit 35 Jahren, seit 20 Jahren unter der Leitung von Johannes Maag. Der Uhrmachermeister und Schmuckdesigner hat das Handwerk selbst bei Zinniker gelernt. «Im Mai 1992 habe ich mein Lehrgeschäft übernommen», erzählt Maag. Mittlerweile hat der 52-Jährige 15 Mitarbeiter, die sich auf das Stammgeschäft in Bülach und den Standort Zollikon verteilen. Unter ihnen ist auch seine Frau. – Heute allerdings ist er fast alleine im Geschäft. Hinter der halboffenen Schiebetür hantiert nur der Uhrmachermeister in der Werkstatt. Für die Arbeit hat er die Hemdsärmel hochgekrempelt.
Warum Schmuck, Herr Maag? In einer flüchtigen Bewegung streicht er sich eine blonde Strähne aus der Stirn. «Schmuck – und damit meine ich auch Uhren – fasziniert mich, weil es keine Grenzen für Einfälle gibt. Man kann das Rad zwar nicht neu erfinden, aber es gibt immer wieder Entwürfe, die noch nie gesehen wurden.» Vor allem Edelsteine und deren unzählige Farbvarianten haben es Johannes Maag angetan.
Jahraus, jahrein wird verkauft, was in den Vitrinen funkelt. Da werden Spezialwünsche in der Werkstatt mit ruhiger Hand zu Leben erweckt, da wird repariert und restauriert, was die Kunden in ihren Erbschaften finden. Geht es auf Weihnachten zu, merken das alle. «Schmuck und Uhren sind ­prädestinierte Weihnachtsgeschenke», sagt Johannes Maag. Und das nicht zuletzt, weil die Goldpreise gestiegen sind. «Edelmetall ist eine Wertanlage. Das ist nicht wie bei Aktien, die ihren Wert verlieren», so Maag. Was in der Adventszeit auch zum Tagesgeschäft gehört, sind «Spezialwünsche, für die wir unsere Fühler ausstrecken». Z.B. für limitierte Uhren.
Weihnachtszeit ist eben die schönste Zeit – auch für die kreativen Köpfe von Zinniker. Der Weihnachtsapéro steht am 08. Dezember in Zollikon an – ein Anlass, an dem die Eigenkreationen ihre Bühne bekommen und sich die Designer Monate vorher den Kopf für Gedankenblitze freizuhalten versuchen.


Funkelnde Freuden
Es klingelt. Herein kommt eine ältere Frau mit einem Päckchen unterm Arm. Sie wickelt es aus und stellt eine Silberdose auf den Tisch. Der Schlüssel sei verloren gegangen und weil Standuhren doch auch oft abschliessbar sind, habe sie gedacht, man könne ihr bei Zinniker weiterhelfen. Das kann Johannes Maag. Vielleicht. Er setzt die Uhrmacherlupe wieder vors Auge und wirft einen fachmännischen Blick auf das Schloss der Dose. Zufällig hat sein Schwager die grösste Schlüsselsammlung Europas. «Wir schauen mal, ob wir da irgendwo fündig werden.» Skurril sind die Anliegen der Kunden manchmal, aber es sind eben Herzensangelegenheiten und die finden bei Johannes Maag und seiner Crew Gehör. Geld ist dabei natürlich nicht unwesentlich. Aber ob es 50 Franken sind oder 50 000, spiele nur eine untergeordnete Rolle. «Das Persönliche ist viel wichtiger», betont der Inhaber. Damit mag er Recht haben. An der Wand hängt neben Ethik-Codex und Uhrmachermeister-Diplom von 1986 eine Aktie der Pacific Pearl Company. «Die ist aus dem 19. Jahrhundert. Ein Kunde hat sie uns geschenkt, weil er fand, dass das zu uns passt.» An der Wand gegenüber prangt noch ein Zeugnis des persönlichen Gustos: «Cultured Pearls» aus Japan. Zu einem Fächer aufgespannte Muscheln und Perlen. Von einer Kundin, die Angst hatte, dass das Bild bei ihren Erben Verschütt ginge. – Geschenke sind die kleinen Freuden im Leben. Das wissen alle, vor und hinter der Theke.
Und was empfehlen Sie als Weihnachtsgeschenk, Herr Maag? Er denkt nach und geht zur Vitrine. Der Brillant auf dem Goldclip an seinem Revers funkelt in der Bewegung kurz auf. Eine Corum, das wäre etwas. Er selbst hat eine am Handgelenk. «Eine Uhr ist das Herrenschmuckstück schlechthin, wird aber auch gerne von Frauen getragen.» Johannes Maag schliesst die Vitrine auf und holt behutsam die «Golden Bridge» heraus. Das Uhrwerk ist ausnahmslos auf der Brücke montiert und von allen Seiten einsehbar. Langsam versteht man, was Maag gemeint hat, als er sagte, dass man das Rad zwar nicht neu erfinden kann, die Erscheinung aber schon.  
www.zinniker-ag.ch