
- Der Früchtestand der Familie Stierli aus Urdorf am Bürkliplatz ist ein Geheimtipp

- Hier liegen die dunklen Brote Kruste an Kruste: Vollkornbäckerei Scharrenberger

- Vom Duft der Rosen verzaubert
Markttreiben
attika hat sich ins Marktgetümmel gestürzt und sich zwischen Käse, Kräutern und Kuriosem umgesehen. – Sechs Zürcher Märkte im Fokus.
Von Birthe Grautmann und Stine Wetzel
Auf den Märkten Zürichs reicht die Produktvielfalt von frischem, saisonalem Gemüse und Obst, das aus regionalem Anbau stammt, über Fleisch, Käse und Milchprodukte bis hin zu frischem Fisch und Spezialitäten. Die Stände bieten auch Produkte aus der eigenen Herstellung an.
«Der Familiäre»
Ein Geheimtipp unter den Frischmärkten Zürichs ist der Markt im Quartier Milchbuck. Durch die ruhige Lage und die familiäre Stimmung angezogen, treffen sich zwischen traditionellen Gemüse- und Spezialitätenständen vor allem Familien, Mütter mit ihren Kindern und alteingesessene Bewohner des Quartiers. Hier kennt jeder jeden, sodass auch gerne das eine oder andere private Wort gewechselt wird. Kundentreue und Vertrauen in die Qualität der Produkte werden hier gross geschrieben. «Da darf auch einmal ohne Kassenzettel etwas umgetauscht werden, wenn man das Falsche eingekauft hat», wird uns beim Besuch des Marktes erklärt.
Ein Highlight ist der Stand der Dorfbäckerei und Konditorei Manser, die neben ihrem reichlichen Angebot an Brot und Gebäck Eigenkreationen wie die «Manser-Spitz» und echte Appenzeller Biber-Spezialitäten anbietet. Bei den «Manser-Spitz» handelt es sich um Blätterteigtaschen, die mit Appenzeller Mostbröckli oder Käse gefüllt sind. Die Biber werden in Handarbeit gefertigt. Sie sind zugleich Gaumen- und Augenschmaus, da sie zum einen durch den unnachahmlichen Geschmack von Honig und Marzipan bestechen und zum anderen den Konsumenten durch die handgemalten Appenzeller Trachten- und Heimatmotive verzaubern. «Frau Manser persönlich bemalt die Marzipanplatten, mit denen die Kuchen verziert sind», wird uns berichtet.
Ebenso lohnend ist ein Besuch bei Ruth Seydel, die eigene Freilandrosen anbietet. Darunter besondere englische Sorten wie zum Beispiel die «Augusta Luise», die sich durch einen intensiven, natürlichen Duft auszeichnet.
Milchbuck, Dienstag und Freitag, 6.00–11.00
«Der Gutbürgerliche»
Zwischen dem Zürichsee und der Bahnhofstrasse, im Schatten hoher Kastanienbäume erstrecken sich die Marktstände über den Bürkliplatz. Mittendrin thront ein Musikpavillon aus dem Jahre 1908. Banker gehen festen Schrittes von Stand zu Stand. In der einen Hand die Aktentasche, in der anderen einen Beutel, aus dem die Lauchstengel lugen. Dazwischen sehen wir adrette Damen, die neben Kerbel und Sonnenblumen einen Schwatz halten.
Walter Stäger drapiert das amtliche Pilzkontrollpapier um seine Wald- und Zuchtpilze. Viele sind es heute nicht, die er und seine Frau Regula feilbieten. «Wir haben, was die Natur uns gibt. Nicht mehr und nicht weniger», sagt der ehemalige Automechaniker. «Im Sommer sind es manchmal nur acht Sorten, im September üppige 60.» Gelassen sieht Walter Stäger den von der Natur auferlegten Rhythmus. Mit ihm ist er bestens vertraut. Schon seine Mutter Hilda zog seit 1951 – damals mit dem pilzvollen Leiterwagen und dem Sohn oben auf – über die Zürcher Märkte.
Beim Ströbel-Finefood-Stand leuchtet uns holländischer Pesto-Käse in Rot (Tomate und Bärlauch) und Grün (Basilikum) entgegen. Adam Tworzewski reicht uns eine Portion auf dem ellenlangen Käsemesser zum Probieren. «Auf Spaghetti oder zu einem Wein schmeckt der fantastisch», sagt der junge Pole.
Viele Leute stehen um den Früchtestand der Familie Stierli. In den Holzkisten ist scheinbar alles gebettet, was der gesamte Obstgarten in Urdorf hergab. «Viele Obstsorten sind zu früh dran, daher haben wir jetzt alles zusammen im Verkauf, was sonst zeitversetzt wäre», erklärt Gottfried Stierli. Er hilft heute am Stand aus, er hat den Eigenanbau auf 24 Hektar seinem Sohn Urs vor 20 Jahren übergeben – er selbst führte weiter, was seine Grossmutter vor einem Jahrhundert anfing. Man packt mit an, wo es hakt. Auch die Enkelin ist heute dabei und wickelt die leuchtenden Beeren ins braune Packpapier.
Bürkliplatz, Dienstag und Freitag, 6.00–11.00
«Der Bunte»
Unsere nächste Station führt uns in den umtriebigen Kreis 4, ins einstige Arbeiterquartier der Stadt, auf den Helvetiaplatz. Zwischen den Ständen duftet es, nach Erde, Wiesen, nach Obst. Das Denkmal der Arbeit von Karl Geiser steht unverrückbar im Gewusel. Mütter schieben Kinderwagen. Angegraute Pärchen ziehen ihre Einkaufstrolleys hinter sich her. Studenten – oder was man dafür hält – radeln zu ihrem Stand des Vertrauens. Die mit schwarzem Edding beschrifteten Etiketten verraten ein im Vergleich zu anderen Märkten tieferes Preisniveau. Wir schlängeln uns einen Weg durch die jungen und junggebliebenen Marktgänger und machen halt beim Chäshüttli Hirzel der Familie Bannwart. Büffelmilch-Joghurt ist momentan der Renner. Es stammt von Fritz und Silvia Schnyder aus Meierskappel (LU) und ist für die meisten Kuhmilch-Allergiker verträglich – hat aber auch einen stolzen Fettanteil.
Als Nächstes gerät der Stand der Vollkornbäckerei Scharrenberg in unser Blickfeld. Hier liegen die dunklen Brote Kruste an Kruste. Die Verkäuferin empfiehlt uns einen Laib Essener aus Bio-Weizen – jenes Sauerteigbrot, mit dem sich Jesus ernährte, wenn man der Legende Glauben schenken mag.
Auf Eis gelegt sind die Fische am nächsten Stand. Marcel Römer hat heute aus dem Zürichsee Felchenfilets mit Haut zu bieten. Etwas gelangweilt schiebt er mit dem Zeigefinger die Brille den Nasenrücken hinauf: «Heute ist nicht viel los. Hohe Temperaturen sind einfach kein Marktwetter.»
Helvetiaplatz, Dienstag und Freitag, 6.00–11.00
«Der Lehrreiche»
Auf dem Lindenplatz im Herzen Altstettens treffen sich Jung und Alt auf dem Wochenmarkt. Während sich die Kinder an heissen Tagen mit den Wasserspielen, die lustig aus dem Boden schiessen, vergnügen können, sind die Erwachsenen zum Plausch mit den Marktfahrern eingeladen. So haben auch wir uns unter die Besucher gemischt und das eine oder andere Detail erfahren.
«Leider sind die Kunden weniger geworden, da sich die Lebensumstände geändert haben. Oft haben die Leute keine Zeit mehr für den Besuch auf dem Markt oder das Kochen frischer Gerichte am Abend nach der Arbeit. Dafür kommen häufig Lehrer mit ihren Klassen her und versuchen den Kindern die heimische Gemüsevielfalt und auch den Geschmack von frischem Obst näher zu bringen», berichtet uns das Ehepaar Schneider, das schon seit vielen Jahren Gemüse und Obst sowie hausgemachte Produkte anbietet. Die Kinder sind wissbegierig und lassen sich gerne von den Landwirten unterrichten.
Auch über traditionelle Landwirtschaft kann man auf dem Lindenplatz etwas lernen. Die Familie Hagenbucher fährt schon in der vierten Generation zum Markt und betreibt neben Obst- und Ackerbau noch Viehwirtschaft. «Unser Sohn führt gerne den Marktbetrieb weiter. Er sieht, dass es etwas Schönes ist und man damit mehr verdienen kann als auf dem Grossmarkt», erklärt uns Herr Hagenbucher. In den Sommermonaten gehören das Steinobst und die Beeren zu den Spezialitäten des Standes. Jetzt, im September, kann man hier wunderbar knackige Äpfel und Birnen erstehen.
Nicht nur für den Wissbegierigen hat der Markt etwas zu bieten, sondern auch für den ökologisch bewussten Kunden. Denn im Angebot der Bäckerei und Konditorei Schwab-Beck finden sich überwiegend Bio-Backwaren. Highlight unter den Bio-Broten ist sicherlich das nach seiner Form benannte «Türmli», das gerne für Aperò-Häppchen gekauft wird.
Altstetten, Mittwoch 6.00–11.00, Samstag 6.00–12.00
«Der Spezialisierte»
Von den feinen Gerüchen und den strahlenden Lichtern der Marktstände angezogen, kann der Kunde den Verlockungen des Marktes in der Eingangshalle des Zürcher Hauptbahnhofes nur schwer widerstehen. Die heitere Atmosphäre und das bunt gemischte Publikum erinnern an einen Jahrmarkt. Nur die majestätisch anmutende Gestaltung des Neorenaissance-Baus mildert diesen Eindruck. Auf dem Markt wechseln sich Marktstände mit Imbissständen aus aller Welt ab. So kann der Besucher während des Einkaufs Leckereien zu sich nehmen oder sich in der Mitte der Halle in einer kleinen «Beiz» ein Päuschen gönnen. Aber wer will schon ein Päuschen, wenn man nahezu an jedem Stand Kostproben von besonderen Spezialitäten haben kann?
Am Stand der Firma Cavaliere Michele Calleri kann man beispielsweise hausgemachte italienische Saucen und Pestos kaufen, sowie frische Tomaten-, Oliven- oder Chilli-Foccacias. Die Vielfalt kennt keine Grenzen. Schräg gegenüber bei Familie Rüttimann werden wir auf eine kleine Rarität aufmerksam – mit aromatischen Kirschen verfeinerte Wurst. Aber das ist nicht die einzige hausgemachte Spezialität. Auch Trockenfrüchte, Käse, Honig und Apfelschaumwein gibt es hier zu kaufen und für den kleinen Hunger zwischendurch stellt Frau Rüttimann-Gretener frische Hackplätzchen her.
Der Rundgang führt uns an die Stände aus dem Bündnerland und aus dem Kanton Glarus, vorbei an exotischen, persischen Gewürzen oder echten Nürnberger Lebkuchen zu Spreewaldgürkchen. Auch Herrn Manser treffen wir wieder an, diesmal mit einer noch grösseren Auswahl an Backwaren. Mitten im bunten Treiben stehen wir plötzlich Mitgliedern des britischen Königshauses gegenüber. Hinter den lebensgrossen Figuren verbirgt sich «The British Cheese Centre», an dem die Kunden freundlich mit Kostproben begrüsst werden. Ganz nebenbei lernt der Kunde etwas über die Britische Käsetradition und über die Geographie des Landes.
Hauptbahnhof, Mittwoch, 10.00–20.00
«Der Aufstrebende»
In Zürich Nord, auf dem Marktplatz Oerlikon, befindet sich ein weiterer Frischmarkt. Obgleich er nur wenige Schritte von einem Knotenpunkt des Öffentlichen Verkehrs entfernt ist, ergeht sich der Platz in relativer Ruhe. Weder links noch rechts strömt der Stadtverkehr vorbei. «Das Ambiente ist auf dem Oerliker Markt ausgesprochen angenehm», erzählt uns Gabriela Künzler vom Kaninchenexpress. Auf die Frage, welche Spezialität sie heute in petto hat, hält sie inne, als könne sie sich nicht entscheiden. Entschlossen deutet sie dann doch auf die Kaninchenhamburger und -bratwürste.
An einem der vielen Gemüsestände fällt uns die Kartoffelauswahl auf. Zum Beispiel die hellgelbe, frühreife Lady Felicia, neben der tiefgelben, langovalen Charlotte oder Laura mit der roten Schale und dem tiefgelben, festen Kern. Alle sind sie aus dem Eigenanbau H. P. Guyers.
Allmählich haben sich die Wolken in einer dichten, dunklen Decke über den Himmel hergemacht. Ein grauer Tag, an dem der Stand der Gärtnerei Schwenk-Bannwart umso mehr leuchtet. Rötlich das Köcherblümchen Cuphea, tiefgelb die Aztekengold-Pflanzen, violett die Kapuzinerpflanze. Die Gärtnerei besteht seit 1981. Stephan Schwenk hat sie von seinem Schwiegervater Walter Bannwart übernommen. Neben den Zierpflanzen stehen Töpfe voll Kräuter. Wer bis anhin dachte, Basilikum sei Basilikum, muss sich vom Griechischen-, Roten-, Zitronen-, Thai- und Strauchbasilikum eines Besseren belehren lassen.
«Sie hätten kommen sollen, wenn es nicht regnet und am besten am Samstag», meint eine Passantin, die sich als fleissige Marktbesucherin outet, «am Samstag blüht der Markt erst richtig auf.» Das glauben wir gerne und erklärt, warum wir nicht den seltenen Kohlarten Werner Pfisters begegnet sind, oder den vielen anderen Ständen, die uns empfohlen wurden.
Oerlikon, Mittwoch, 6.00–11.00 und Samstag, 6.00–12.00
www.zuercher-maerkte.ch, www.ltm.ch




