
- Die Weststrasse, wie man sie bis anhin kannte, …

- und ihr künftiges (ruhiges) Konterfei.
Zürich im Zügelfieber
Die Limmatstadt pulsiert im Takt des Fortschritts. Doch wo es für die einen vorwärts geht, verschwinden die anderen im Fahrwasser. Vom Zuziehen und Wegziehen.
Von Stine Wetzel
Etwa 40 000 Menschen ziehen im Jahr nach Zürich. Ungefähr ebenso viele packen die Kisten und ziehen aus der Stadt weg. Die jeweils neue Wohnung ist günstig, verkürzt den Arbeitsweg, liegt ruhig und im familiären Umfeld, ist gut an den Öffentlichen Verkehr angebunden, der Steuerfuss ist tief. Oder doch nicht? Das Statistische Amt hat 2009 1 450 umziehende Haushalte in sechs Zürcher- und zwei St. Galler Gemeinden zu ihren Beweggründen des Wohnortwechsels befragt. Die Motivation umzuziehen, hängt von der jeweiligen Lebenssituation ab. Alleinerziehende zügeln dahin, wo sie ein unterstützendes Umfeld, Familie und Freunde, vorfinden. Ebenso Familien mit niedrigem Einkommen; sie achten zugleich auf einen tiefen Steuerfuss. Familien mit hohem Einkommen hingegen tendieren zu einer idyllischen Wohnlage mit guter Verkehrsanbindung.
Bei Menschen, die nicht für Nachwuchs verantwortlich sind, sind die Zuzugsentscheide ausgeglichener. Ausschlaggebend ist das ganze Ensemble. Paare mit niedrigem Einkommen neigen aber zum Umzug, wenn sie näher an Familie und Freunde rücken können. Singles mit geringem Einkommen richten ihr Augenmerk auf den tiefen Mietzins.
Go West
Familien mit niedrigem Einkommen und gutbetuchte Singles vernachlässigen bei ihrem Umzugsentscheid oft die ruhige Wohnlage. Sie sind es, die bis vor Kurzem noch im Kreis 3 an der Weststrasse gelebt haben – eine Wohngegend, die Jahrzehnte lang als unattraktiv galt. 40 Jahre donnerte hier der Transitverkehr über die Strasse, 20 000 Fahrzeuge täglich. Lärm- und Schadstoffbelastungen hielten die Mieten tief. Daher wohnten vor allem Studenten und Ausländer an der Weststrasse. Eine Drei-Zimmer-Wohnung mit 70 Quadratmeter Wohnfläche für 1 600 Franken, das ist eine Nadel im Heuhaufen Zürich. – Und gehört der Vergangenheit an. Im Mai 2009 ging die Westumfahrung auf, im August 2010 wurde die Weststrasse gesperrt und die Lastwagen aus dem Alltagsbild der innerstädtischen Transitstrasse verbannt. Bis Ende 2011 soll die Strasse gar zu einem Quartier mit Tempo-30-Zone umgebaut sein. Das Präsidialamt der Stadt Zürich nennt diese Entwicklung eine «unbestreitbare Verbesserung». Das ist die Verkehrsberuhigung in der Tat. Wären es nicht die Wohlhabenden, die davon profitierten. Sanierungen, Neubauten und die Aufwertung der Immobilien durch die Lärmeindämmung treiben die Mieten in die Höhe und machen sie für die jetzigen – oder bereits einstigen – Mieter unerschwinglich. Die Drei-Zimmer-Wohnung kostet nach der Komplettsanierung exorbitante 2 400 Franken Miete. Eine Kündigungswelle hat die Weststrasse erfasst. Luxuswohnungen, doppelstöckig und mit Dachterrasse, verdrängen die in Zürich selten gewordenen günstigen Wohnungen, für die man die Duschkabine in der Küche in Kauf nahm. «Aufbruchstimmung» nennen sie das, was durch Zürichs Strassen geht. Der Witz an der Sache: Ruhig ist die Weststrasse trotz allem nicht. Die Anwohner müssen zunächst den Baulärm über sich ergehen lassen, bevor die Luxusidylle aufgeht.

Infos
Ruhe bitte! – Wie Lage und Umweltqualität die Schweizer Mieten bestimmen. Herausgeber: Zürcher Kantonalbank, Juni 2011.
Kanton Zürich in Zahlen 2011 – Zahlen, Grafiken und Kommentare vom Statistischen Amt des Kantons Zürich. In Zusammenarbeit mit der Zürcher Kantonalbank, Mai 2011.
www.stadt-zuerich.ch



