
- Man verteidigt nie ein Delikt, sondern immer einen Menschen.
Valentin Landmann «Nackte Tatsachen»
Im Rotlichtmilieu von Zürich gelten andere Gesetze. Es herrschen eigene Regeln, Moden und ökonomische Abläufe. In seinem neuen Buch nimmt Landmann das Rotlicht unter die Lupe. Schockierende Einblicke, fesselnde Geschichten, ergreifende Schicksale. Authentische Fälle aus dem Alltag. attika sprach mit dem Rechtsanwalt und Milieu-Kenner.
Von Urs Huebscher
attika: Herr Landmann, Sie gehören zu den bekanntesten Rechtsanwälten und engagieren sich u.a. für die Hells Angels, Sexarbeiterinnen und Bordellbetreiber. Oft nennt man Sie «Milieu-Anwalt», stört Sie die Bezeichnung?
Valentin N.J. Landmann: Hier könnte man Parallelen zum Mediziner ziehen. Dieser behauptet ja auch nicht von sich, dass er nur «Kranke» behandelt.
Wir haben ein breites Spektrum in der Kanzlei, unser Schwerpunkt liegt aber im Strafrecht. Mit meinen Büchern engagiere ich mich für mehrere Themen. Mir ist einfach wichtig, dass im Zusammenhang mit dem Rotlichtmilieu nicht zu sehr kriminalisiert wird, da die Prostituierten meistens die Leidtragenden sind. Schliesslich sind diese der schwächste Marktteilnehmer. Die Kriminalisierung hat mich beim Schreiben immer wieder beschäftigt, da sich gerade an diesem Markt aufzeigen lässt, was passiert, wenn man mit einem Gesetz falsch eingreift. Das heisst, dass letztendlich die Leute leiden, die man mit dem Gesetz schützen will. Rotlicht ist für mich daher ein Exempel. Obwohl es einen ganz kleinen Teil im Strafrecht ausmacht, ist es immer wieder interessant, auf die prinzipiellen Probleme zu stossen. Zur Zeit haben wir es sehr viel mit Schwerst- und Gewaltdelinquenz zu tun, aber auch mit Wirtschaftskriminalität. Gerade bei der Wirtschaftskriminalität ist besonders die Psychologie und die Kreativität interessant, die einem verdeutlicht, dass Kriminalität ein Spiegel der Gesellschaft ist. Wer Kriminalität arriviert, arriviert unter den gleichen Bedingungen wie in unserer Welt, der «Oberwelt». Die Bezeichnung «Milieu-Anwalt» stört mich also nicht, denn sie bezeichnet einfach nur einen Teil eines breiten Spektrums.
Erklären Sie uns mal die Hells Angels!
Das ist eine Gruppe, die sehr selbständig denkt, aus Querköpfen besteht und mitunter auch schwierig ist. Aber die Gruppe an sich ist nicht kriminell. Es gibt kein Delikt, das von der Gruppe getragen wird. Bei den Hells Angels wird niemand, ähnlich wie bei einer Familie, fallen gelassen, nur weil er etwas verbrochen hat. Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Bruder, der eine Bank überfallen hat. Dann würden Sie vermutlich dafür sorgen, dass er einen guten Anwalt bekommt, dass man für seine Familie sorgt, aber deswegen heissen Sie nicht das Delikt gut. Wenn ein Hells Angel nicht wie eine heisse Kartoffel fallen gelassen wird, heisst das in keiner Weise, dass die anderen das Delikt gutheissen. Im Gegenteil! Man wird mit ihm das Gespräch suchen und ihm klar sagen, dass die Gruppe so etwas nicht toleriert. Danach wird man ihn bitten zu gehen. Aber generell wird man nicht fallen gelassen, wenn etwas brennt. Das ist ein grosser Unterschied zu Gruppierungen, die man in unserer Zivilisation kennt. Beim geringsten Anschein einer heiklen Situation, wird man verstossen. Und genau das passiert bei den Hells Angels nicht.
Hat ein Hells Angel, dem nahegelegt wurde zu gehen, auch wieder die Möglichkeit zurückzukommen?
Verbüsst ein Hells Angel seine Strafe, bleibt er ein Mitglied. Es gibt aber bestimmte Delikte, die die Hells Angels nicht tolerieren. Begeht man ein solches Delikt, wird man nicht wieder in die Gruppe aufgenommen. Hierbei handelt es sich zum Beispiel um den Handel mit harten Drogen oder Pädophilie. Wenn jemand Kavaliersdelikte begeht, ist es grundsätzlich seine Sache. Hier mischt sich die Gruppe dann nicht ein.
Kraft im Club gibt der sicherlich etwas altertümliche Zug, Respekt vor dem Alter und vor Krankheit zu haben. Bei den Angels hat derjenige das höchste Ansehen, der am längsten dabei ist. Den Respekt vor Alter und Krankheit haben wir in unserer Gesellschaft leider verloren. Darum wirkt das System der Angels auf andere unheimlich, da sie nicht die Möglichkeit haben, hinter die Kulissen der Gemeinschaft zu schauen.
Ihr Studium schlossen Sie mit summa cum laude ab und wollten eine akademische Laufbahn einschlagen. Bei einem Studienaufenthalt am Max-Planck-Institut in Hamburg entdeckten Sie das Rotlichtmilieu, die Reeperbahn. Wie hat das Ihr weiteres Leben beeinflusst?
Während meiner Zeit am Max-Planck-Institut in Hamburg bin ich auf verschiedene Welten gestossen. Mir ging es aber weniger ums Rotlicht, sondern um Folgendes: Ich befand mich in einen inneren Konflikt. Damals schrieb ich an meiner Habil über Produkthaftung und bearbeitete kleinste Verästelungen juristischer News. Nebenbei beschäftigte mich die Frage, wie Verästelungen in Gemeinschaften funktionieren. Wie organisieren sie sich, wenn sie nicht mit ihrem Problem vor Gericht stehen? Besonders dann, wenn es um nicht kodifiziertes Recht geht. Ein anderer Gedanke war: Wie funktioniert die Unterwelt? Was für Leute leben dort? Wie sind die Regeln in dieser Gemeinschaft? Aus Interesse habe ich dann die Begegnung gesucht und bin quasi auf dem Weg zur Unterwelt den Hells Angels begegnet, weil ich diese für die Unterwelt gehalten habe. Aber diese sind keineswegs Teil der Unterwelt. Vielmehr handelt es sich hier um eine besondere Biker-Kultur, die in extremster Form kriminalisiert wird.
Hamburg hat mein Leben daher geprägt, da ich dort Leute aus diesem Gesellschaftsbereich kennen gelernt habe. Mit Leuten aus dem Rotlicht hatte ich ebenfalls Kontakt. Ich suchte aber auch bewusst mit den unterschiedlichsten Menschen das Gespräch und fand es seltsamerweise. Seltsamerweise deshalb, da niemand einen Grund hatte mit mir zu reden. Der Einblick zeigte mir, vor allem, dass Menschen kriminalisiert werden, die nicht kriminalisiert werden sollten.
Man kennt Sie als Meister des Dialogs, des Schlichtens und Vermittelns auch vor Gericht. Bringt das Ihre knallharte Rhetorik?
Vor Gereicht kann man sehr viel erreichen, wenn man erklärt, wie sich etwas ereignet. Das setzt eine Mitarbeit des Klienten natürlich voraus. Es muss noch nicht einmal unbedingt ein Geständnis sein. Ich konnte jetzt noch in einem Beziehungsvergewaltigungsfall einen Freispruch erreichen, weil der Klient den wahren Tathergang klar schilderte. Er erklärte, dass er durch bestimmte Taten diese Gefühle im Gegenüber ausgelöst hätte und er es allein dem Gericht überlasse, darüber zu urteilen. Ähnlich verhält es sich bei Wirtschaftsdelikten. Hier muss man die Entstehung aufzeigen, da es Grauzonen gibt. Ebenso ist das Schneeballsystem nicht von vornherein als Betrug geplant, sondern geht darauf zurück, dass sich jemand als Börsenguru fühlt und meint, die Zinsen versprechen zu können. Irgendwann läuft es einen Monat weniger gut. Man kann auf längere Zeit von 90 Prozent Kapital nicht 100 Prozent Zinsen zahlen. In dieser Orangephase greift derjenige somit ins Kapital ein. Dann folgt der Punkt des Scheiterns, an dem er vor der Wahl steht, sich unter die Zunahme von Geld zu stellen oder in das Gefängnis zu gehen. Natürlich ist die Versuchung, nicht in das Gefängnis zu gehen und das Umlaufsystem weiter laufen zu lassen, grösser. Wenn man diesen Tatbestand einem Richter einfühlsam schildern kann, überlegt sich dieser, wie er unter all diesen Umständen gehandelt hätte. An dieser Stelle hat man halb gewonnen. Niemand entscheidet «hiermit werde ich kriminell», sondern es ist ein kleiner Schritt in die falsche Richtung. Man gerät auf dünnes Eis, das ist übrigens ein Titel meiner Bücher. Und das dünne Eis beginnt langsam zu brechen. Diese Verkettung von falschen Entscheidungen muss man dem Richter verdeutlichen. Darum versuche auch ich nicht aggressiv zu wirken, sondern hauptsächlich erklärend. Wenn ein Klient allerdings seine Unschuld beteuert, muss man knallhart argumentieren, was gegen die Schuld spricht.
Sie gelten als grosszügiger Gastgeber und Komplimenteverteiler. Was bewegt Sie dazu?
Ich liebe die Interaktion mit Leuten und freue mich, wenn ich jemandem eine Freude bereiten kann. Es ist einfach etwas Wunderschönes, wenn sich jemand freut oder jemand zum Beispiel vor Gericht wieder aufatmen kann. In gewissem Sinn besteht genau daraus meine Arbeit und sie gibt mir egoistischer Weise auch Befriedigung. Ein gelungenes Geschenk ist für mich eine Uhr, da ich ihre Symbolik liebe. Genauso wie der Totenkopf steht die Uhr für die Lebenszeit, weswegen ich vor Gericht meistens meine Uhrenkrawatte und den silbernen Totenkopf trage.
Sie haben beruflich oft mit Prostituierten und Zuhältern zu tun. Hat sich in den letzten Jahren in dieser Szene etwas verändert?
Unsere Zeit hat eine hohe Bevölkerungsfluktuation und das Vorgehen der Polizei hat sich geändert. Zum Beispiel ist die Polizei in den 80er Jahren viel stärker gegen schweizerisches Milieu vorgegangen, wodurch es verdrängt wurde. Dem Rotlicht folgte unmittelbar die Drogenszene. Das Rotlicht fungierte immer als Barriere zur Drogenszene. Nicht aus moralischen Gründen, sondern weil Drogen das Rotlichtgeschäft ruinieren. Hier hat die Justiz sehr stark eingegriffen. Vergleichbar mit einem falsch eingesetzten Insektizit, wurden Leute bekämpft, die gar nicht beabsichtigt waren. Daher wurde der Kampf wieder verlagert. Das Schweizerische Milieu wurde in die Randbezirke und umliegenden Ortschaften verlegt, gerade in Hinblick auf grössere erotische Etablissements. Auswärtiges Milieu ist dann gefolgt. Das ist kein Nachteil, wenn sinnvoll nach den hiesigen Bedingungen gearbeitet wird. Aber es gibt «Milieu-Gestalten», die kurzfristig hier leben, absahnen und dann wieder verschwinden.
Der unterschiedliche Charakter der Leute spielt da hinein. Eine Alpenkuh verhält sich anders als ein Wüstenskorpion. Leute aus Zivilisationen, in denen man sich gegen Diktaturen und Verbote durchsetzen muss, sind härter als diejenigen, die es gewohnt sind, in einem liberalen Staat zu agieren. Man kann aber keinesfalls davon ausgehen, dass das ganze Milieu kriminell ist.
Was halten Sie von den geplanten «Verrichtungsboxen»?
Dem sollte man unbedingt eine Chance geben. Natürlich wäre es einfacher gewesen, Abschnitte der Lang- und Hohlstrasse zur Strichzone zu erklären, da es ohnehin dort Prostitution gibt. Aber an sich ist es kein Strassenstrichgebiet. Fenster- oder Strassenprostitution, bei der man die Absteige im Rücken hat, ist natürlich am wenigsten gefährlich. Der Vorteil an den Verrichtungsboxen ist, dass man wieder eine Absteige hat.
Ist eine Eindämmung des Sexgewerbes oder eine «Kasernierung» möglich?
Das kann man so generell nicht sagen. Es gibt Bereiche, in denen man in einem Gebiet konzentrieren kann. Aber das setzt voraus, dass die Frauen das auch wollen. Nur weil man die Boxen aufstellt, heisst das nicht, dass diese genutzt werden. Das ist vergleichbar mit dem Biotop. Das muss man auch so sinnvoll einrichten, dass es funktioniert.
Soeben ist Ihr neues Buch mit dem Titel «Nackte Tatsachen» erschienen. Was erwartet den Leser?
In diesem Buch beschreibe ich wahre Geschichten aus dem Rotlicht, die ich zum Teil aus Persönlichkeitsgründen ein bisschen verzerrt habe und bei denen ich auch die Namen geändert habe. Aber grundsätzlich sind die Geschichten alle geschehen. Ich möchte den Leser mit dem Milieu vertraut machen. Der Leser sieht Prostitution, sieht das Milieu, sieht alle, die an den Geschichten beteiligt sind und erkennt die Hintergründe. Damit möchte ich in der Blackbox des Lesers eine Lampe entzünden. Natürlich kann ich durch das Buch nicht die ganze Blackbox erhellen, aber es soll dem Leser Highlights und spannende Geschichten liefern. Meine Intension ist, den Leser durch Unterhaltung zum Nachdenken zu bringen.
Glauben Sie, als Anwalt etwas zu bewegen? Kann die «Unterwelt» eingedämmt werden? Bleibt Zürich eine «sichere» Stadt?
Zürich ist seit längerem eine sichere Stadt. Jedoch wird es nie eine absolut sichere Stadt sein, denn Zürich hat Verbrecher und auch Gewaltverbrecher. Es gibt ein Phänomen, das sich «die Stunde der Idioten» nennt. Dieses Phänomen spielt sich generell in den frühen Morgenstunden zwischen 4.00 Uhr und 6.00 Uhr ab. Zu dieser Zeit passieren dann beispielsweise Messerstechereien, Schlägereien etc.. Deswegen sollte man diese Zeit meiden. Als Gegenbeispiel können sie ihre halbwüchsige Tochter getrost zu einer Hells Angels Party gehen lassen. Bei der passiert nämlich nichts. Die Hells Angels haben Achtung vor ihren Gästen und Familienangehörigen oder Freunden. Sie können Ihre Tochter auch in Zürich in den Ausgang schicken, aber schärfen Sie ihr ein, dass die bösen Stunden zwischen 4.00 und 6.00 Uhr morgens sind. Generell kann natürlich jeder Zeit und überall etwas passieren. Vielleicht sogar ausserhalb der Milieus eher als im Milieu selbst, denn die Leute sind auf das Gewerbe angewiesen. Aber Zürich ist eine eher sichere Stadt, hat eine gute Staatsanwaltschaft und Aufklärungsquote und die Justiz arbeitet sehr effizient.
Nackte Tatsachen
Valentin N.J. Landmann
ISBN 978-3-280-05433-8



